Manche Monate rauschen einfach vorbei, während andere Gedanken hinterlassen, die noch eine ganze Weile nachwirken. Der September 2026 gehört für mich definitiv zur zweiten Kategorie. Wenn ich auf die vergangenen Wochen zurückblicke, begegnet mir dabei immer wieder ein Thema: Sichtbarkeit. Nicht nur die Sichtbarkeit nach außen – mit meiner Arbeit, meinen Erfahrungen und den Themen, für die ich stehe –, sondern auch die Sichtbarkeit nach innen.
Es ging für mich darum, hinzuschauen, was gerade da ist, mich selbst ernst zu nehmen und auch Themen Raum zu geben, über die wir gesellschaftlich noch immer viel zu selten offen sprechen. Deshalb möchte ich diesen Monatsrückblick auch etwas anders gestalten als bisher.
1. Mehr Sichtbarkeit wagen, obwohl es Überwindung kostet
Sichtbarkeit klingt eigentlich ganz einfach: Man schreibt einen Beitrag, veröffentlicht etwas auf Social Media, spricht über die eigene Arbeit oder erzählt anderen Menschen, was man tut. In der Realität kann Sichtbarkeit aber ganz schön viel mit einem machen.
Denn sichtbar zu werden bedeutet auch, sich zu zeigen – mit einer Meinung, mit der eigenen Geschichte und mit dem, wofür man steht. Gleichzeitig lässt man damit die Möglichkeit zu, bewertet, kritisiert oder vielleicht auch missverstanden zu werden.
Im September habe ich mich ganz bewusst mit diesem Thema auseinandergesetzt und an der kostenlosen PR-Challenge von Eva Primavesi teilgenommen. Innerhalb einer Woche habe ich dort gelernt, wie ich Journalisten auf mich & meine Themen neugierig machen kann. Für mich geht es dabei allerdings nicht einfach nur darum, „mehr PR zu machen“, sondern vor allem um die Frage: Wie möchte ich eigentlich mit meiner Arbeit sichtbar sein?
Ich möchte nicht laut sein, nur um Aufmerksamkeit zu bekommen, und ich möchte auch nicht jeden Trend mitmachen oder mich als etwas darstellen, das ich nicht bin. Ich möchte über die Dinge sprechen, die mir wirklich wichtig sind. Über Depressionen und psychische Krisen, über Selbstverantwortung und über das Leben mit all seinen Brüchen. Aber eben auch darüber, dass Entwicklung möglich ist und unsere Geschichte nicht zwangsläufig bestimmen muss, wie es für immer weitergeht.
Ein weiterer Schritt in Richtung Sichtbarkeit war im September mein Interview im Podcast "Lebensklatschen" zum Thema Suizidprävention. Für mich war dieses Interview enorm weit außerhalb meiner Komfortzone und ich war enorm aufgeregt. Solche Situationen zeigen mir immer wieder, dass Sichtbarkeit sich ungewohnt anfühlen darf und ich nicht darauf warten muss, irgendwann vollkommen sicher zu sein. Vielleicht geht es vielmehr darum, zu lernen, mich trotz dieser Unsicherheit zu zeigen.
2. Suizidprävention: Warum wir über Suizid sprechen müssen
Ein zweites Thema im September war deutlich schwerer: Suizid. Rund um den Welttag der Suizidprävention am 10. September wird jedes Jahr verstärkt über Suizidalität, Prävention und Hilfsangebote gesprochen.
Ich halte diese Aufmerksamkeit für wichtig, denn über Suizid zu sprechen, fällt vielen Menschen noch immer schwer. Vielleicht aus Angst, etwas Falsches zu sagen, vielleicht aus Hilflosigkeit oder auch deshalb, weil uns das Thema mit etwas konfrontiert, das wir lieber weit von uns wegschieben würden.
Für mich ist Suizidalität kein abstraktes Thema. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie dunkel das eigene Erleben werden kann und wie schwer es sein kann, anderen Menschen verständlich zu machen, was gerade in einem vorgeht.
Genau deshalb möchte ich darüber sprechen – nicht, um Angst zu machen oder zu dramatisieren, und auch nicht, weil ich glaube, einfache Antworten auf ein so komplexes Thema zu haben. Ich möchte darüber sprechen, weil Schweigen Menschen zusätzlich isolieren kann.
Meine eigenen Erfahrungen habe ich deshalb bereits ausführlicher in meinem Erfahrungsbericht über Suizid und Suizidalität geteilt.
Vielleicht hilft dieser Beitrag einem Menschen dabei, sich selbst ein kleines bisschen besser zu verstehen, oder Angehörigen dabei, eine andere Perspektive einzunehmen. Und vielleicht trägt jedes offene und respektvolle Gespräch ein Stück dazu bei, dass psychische Krisen irgendwann mit weniger Scham verbunden sind.
Wichtig: Wenn du selbst gerade Suizidgedanken hast oder dich akut gefährdet fühlst, hole dir bitte unmittelbar Unterstützung. In Deutschland erreichst du die TelefonSeelsorge rund um die Uhr unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123; in einer akuten Gefahrensituation kannst du den Notruf unter 112 verständigen.
3. Selbstfürsorge ist nicht dasselbe wie Selbstoptimierung
Persönliche Entwicklung spielt in meinem Leben schon lange eine große Rolle. Ich reflektiere viel, schreibe und beschäftige mich mit meinen Mustern, meinen Reaktionen und den Dingen, die mich geprägt haben.
Das hat mir unglaublich viel gegeben, gleichzeitig sehe ich darin inzwischen aber auch eine Falle. Denn aus dem Wunsch, sich weiterzuentwickeln, kann ganz unbemerkt ein neuer Anspruch entstehen: Ich muss noch besser werden.
Noch reflektierter, noch ausgeglichener, noch produktiver, noch achtsamer und noch konsequenter. Plötzlich wird selbst die persönliche Entwicklung zu einer weiteren Aufgabe auf einer ohnehin schon langen To-do-Liste.
Daran musste ich mich auch im September wieder erinnern. Nicht jeder schwierige Tag braucht eine Analyse, nicht jedes Gefühl muss sofort aufgelöst werden und nicht jede Phase, in der weniger geht, ist automatisch ein Rückschritt.
Manchmal bedeutet Selbstfürsorge für mich inzwischen gerade, nicht sofort an mir arbeiten zu wollen. Statt mich zu fragen, was ich jetzt tun müsste, damit ich möglichst schnell wieder funktioniere, versuche ich häufiger zu fragen: Was brauche ich gerade wirklich?
Dieser Unterschied wirkt zunächst klein, ist für mich aber riesig. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, wie schnell man gerade nach langen psychischen Belastungen anfangen kann, den eigenen Zustand ständig zu beobachten, zu analysieren und zu bewerten.
Heute versuche ich deshalb häufiger, mir selbst mit Neugier statt mit einem inneren Bewertungssystem zu begegnen. Das gelingt mir natürlich nicht immer – aber vielleicht gehört genau das ebenfalls dazu.
4. Journaling: Mich selbst wieder hören
Wenn ich wissen möchte, was mich wirklich beschäftigt, greife ich noch immer gerne zu Stift und Papier. Journaling begleitet mich inzwischen schon lange und ist für mich viel mehr als das tägliche Füllen irgendwelcher Seiten.
Ich schreibe nicht jeden Tag diszipliniert mehrere Seiten und danach sind auch nicht automatisch alle Probleme gelöst. Schreiben hilft mir aber dabei, das Chaos in meinem Kopf ein bisschen zu sortieren und Gedanken überhaupt erst greifbar zu machen.
Manchmal merke ich erst beim Schreiben, was eigentlich hinter einem Gefühl steckt. Ein Satz führt zum nächsten und ein Gedanke, den ich vorher kaum greifen konnte, steht plötzlich schwarz auf weiß vor mir.
Manchmal entsteht daraus sogar eine Erkenntnis, nach der ich überhaupt nicht gesucht habe. Genau das ist für mich einer der Gründe, warum Journaling bis heute ein wichtiger Teil meiner Selbstreflexion geblieben ist.
Gerade in einem Monat, in dem Sichtbarkeit nach außen eine größere Rolle gespielt hat, finde ich diesen Gegenpol besonders wichtig. Denn neben der Frage, wie andere mich und meine Arbeit wahrnehmen, gibt es auch die Frage: Was sehe ich eigentlich, wenn ich selbst nach innen schaue?
Was möchte ich wirklich und was tue ich vielleicht nur, weil ich glaube, es tun zu müssen? Wo übergehe ich meine eigenen Grenzen und welche Wünsche traue ich mich vielleicht noch nicht einmal richtig auszusprechen?
Journaling gibt mir darauf nicht immer sofort eine Antwort. Es hilft mir aber dabei, die richtigen Fragen überhaupt erst zu stellen – und manchmal ist genau das der Anfang einer Veränderung.
Das habe ich im September 2026 gebloggt
Auch auf meinem Blog sind im September wieder neue Beiträge erschienen. Hier findest du alle Artikel aus diesem Monat:
- „Die 7 Schlüssel zur Bewältigung von Depressionen“ von Nicolas Doster: Stabilität kann der Anfang von Veränderung sein
- Selbstverantwortung bei psychischer Gesundheit: Was kann ich selbst beeinflussen?
- Verantwortung statt Schuld: Was Selbstverantwortung wirklich bedeutet
Was ich aus diesem September mitnehme
Wenn ich einen Gedanken aus diesem Monat mitnehmen möchte, dann vielleicht diesen: Sichtbarkeit beginnt nicht erst dort, wo andere Menschen uns sehen. Sie beginnt auch bei uns selbst – wenn wir hinschauen, statt wegzudrücken, unseren Gefühlen zuhören oder uns eingestehen, dass etwas gerade schwer ist.
Sichtbarkeit kann auch bedeuten, zu erkennen, dass wir etwas verändern möchten oder uns mit unserer eigenen Geschichte nach außen zu wagen. Der September hat mich dabei noch einmal daran erinnert, dass ich mich nicht zwischen Verletzlichkeit und Stärke entscheiden muss.
Beides darf gleichzeitig existieren. Ich darf über schwere Erfahrungen sprechen und trotzdem hoffnungsvoll nach vorne schauen, ich darf unsicher sein und trotzdem sichtbar werden.
Und ich darf noch nicht genau wissen, wohin der Weg führt. Den nächsten Schritt kann ich trotzdem gehen.
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