Erfahrungsbericht Suizid: Wie ich nach vier Suizidversuchen den Kreislauf durchbrochen habe

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Vor einem Jahr habe ich mich selbst eingewiesen, weil ich starke Suizidgedanken hatte. Ich schreibe das nicht, damit du weißt, wie schlimm es war. Ich schreibe es, damit du weißt, was danach kam.

Oktober 2024. Georgien.

Der Raum war fremd, die Stadt nicht meine, die Sprache um mich herum eine, die ich nicht verstand. Ich lag in Batumi in einer Notaufnahme, die ich nicht kannte, und wartete. Auf jemanden, der kommt. Auf jemanden, der die Tür aufmacht und sagt: "Ich hole dich aus diesem Schlamassel raus". Auf irgendetwas, das sich wie Rettung anfühlt.

Die Tür blieb zu. Und in dieser Stille — zwischen Schläuchen, Neonlicht und dem leisen Piepen irgendwelcher Geräte — habe ich nach diesem, zum Glück gescheiterten, Suizid zum ersten Mal einen Gedanken zu Ende gedacht, den ich vorher immer abgebrochen hatte: "Niemand wird kommen und dich retten. Das kannst du nur selbst tun."

Das war kein inspirierender Moment. Das war Erschöpfung, die endlich radikal ehrlich wurde.

Zwölf Jahre. Vier Suizid-Versuche. Immer dasselbe Muster.

Mein erster Suizidversuch war am 12. Mai 2013. Ich war 23 Jahre jung und hatte das Gefühl, schon fertig zu sein, bevor mein Leben richtig angefangen hatte. Was folgte, waren Jahre zwischen Kliniken, kurzen Lichtblicken und dem immer wiederkehrenden Gefühl, dass es keinen Weg heraus gibt. 2013 noch ein zweiter Versuch. Im Oktober 2015 der Dritte. Und dann dieser Versuch in Georgien, Oktober 2024, weit weg von allem, was ich kannte.

Zwölf Jahre lang bin ich immer wieder an denselben Ort gekommen — und jedes Mal habe ich gewartet. Auf die richtige Therapie, das richtige Medikament, den richtigen Menschen, den richtigen Moment. Auf irgendetwas, das mich rettet, ohne dass ich selbst wirklich etwas dafür tun muss. In Georgien habe ich verstanden: Dieses Irgendwas bin ich selbst.

Was "Verantwortung übernehmen" wirklich bedeutet — und was nicht

Ich weiß, wie dieser Begriff klingt. Er klingt nach Motivationsposter, nach einem dieser Sätze, die gut gemeint sind und trotzdem nichts treffen. Verantwortung übernehmen hat in meinem Kopf lange bedeutet: alleine durchkämpfen, keine Schwäche zeigen, keine Hilfe brauchen. Nach außen hin stark zu wirken.

Das stimmt nicht. Verantwortung übernehmen bedeutet nicht, alles alleine zu schaffen. Es bedeutet nicht, keine Hilfe annehmen zu dürfen. Es bedeutet nicht, zu funktionieren, egal was der Körper dabei sagt.

Es bedeutet etwas viel Schlichteres — und gleichzeitig viel Schwereres: aufhören zu warten, dass jemand anderes mein Leben für mich verändert. Nicht weil das fair ist. Sondern weil es die einzige Wahrheit ist, die in dieser Nacht in Georgien übrig geblieben war.

Der erste Schritt, der bei meinen Suizidgedanken wirklich zählte

Letztes Jahr wurden meine Gedanken wieder zu konkreten Plänen. Ich kannte dieses Gefühl — ich bin den Weg dorthin oft genug gegangen, um zu wissen, wohin er führt. Und diesmal habe ich etwas getan, das ich vorher nie getan hatte: Ich habe die 116 117 angerufen, bevor ich den Halt komplett verlor.

Nicht weil jemand es mir gesagt hat. Nicht weil ich musste. Sondern weil ich mir in dieser georgischen Notaufnahme versprochen hatte: Nie wieder gehe ich so weit. Und wenn die Gedanken wiederkommen, dann übernehme ich die Verantwortung und hole mir Hilfe — früh genug, um noch die Wahl zu haben. Und genau dieses mir selbst gegebene Versprechen habe ich gehalten.

Was in diesem letzten Jahr passiert ist

Heute bin ich emotional und psychisch so stabil wie nie zuvor in meinem Leben. Ich schreibe das nicht leichtfertig — ich kenne die Skepsis, die dieser Satz auslöst, weil ich sie selbst kenne. Ich hätte ihn lange nicht geglaubt.

Was diesen Unterschied gemacht hat, war kein einzelnes Ding und kein einzelner Moment. Es war Therapie, die wirklich in die Tiefe gegangen ist. Es war Journaling, das zu einem echten Ankerpunkt wurde. Es war ein bewussterer, achtsamer Umgang mit meinen Emotionen — nicht um sie zu kontrollieren, sondern um sie früh genug zu hören, bevor sie mich und mein Handeln wieder übernehmen. Und es war die jahrelange Arbeit an Themen wie Selbstliebe, Selbstwert und Selbstvertrauen, die ich lange für leere Begriffe gehalten hatte.

Keines davon war ein Schalter, den ich einmal umkippte und plötzlich wurde alles gut. Doch gemeinsam waren sie ein Weg — langsam, ungerade und mit Rückschritten, die zum Prozess dazugehören.

Warum Kreisläufe sich anfühlen wie Schicksal

Kreisläufe fühlen sich an wie: Das ist eben mein Leben. Das bin eben ich. Sie fühlen sich so an, weil das Gehirn kennt, was es kennt — auch wenn es schmerzt, auch wenn es längst nicht mehr passt. Muster wiederholen sich, bis man sie bewusst unterbricht. Nicht weil man es verdient hätte, in ihnen festzustecken, sondern weil Vertrautes sich sicherer anfühlt als das Unbekannte — selbst wenn das Unbekannte besser wäre.

Was ich gelernt habe: Kreisläufe wurden irgendwann, irgendwo gelernt. Als Reaktion auf etwas, das damals keinen anderen Ausweg ließ. Und was gelernt wurde, kann verlernt werden. Das ist keine Aussage aus einem Ratgeber. Das ist meine eigene Erfahrung — aus zwölf Jahren, vier Versuchen und dem Moment in Georgien, in dem ich aufgehört habe zu warten.

An dich, wenn du das kennst

Vielleicht liest du das und denkst: Bei mir ist das anders. Mein Fall ist zu schwer. Das funktioniert für mich nicht. Ich kenne diesen Gedanken — ich habe ihn selbst jahrelang gedacht, jedes Mal, wenn jemand von Hoffnung gesprochen hat.

Du brauchst keinen Tiefpunkt wie meinen, um anzufangen. Du brauchst keine Notaufnahme, keine perfekte Entscheidung in einem perfekten Moment. Du brauchst nur einen einzigen ehrlichen Gedanken: Ich will, dass das anders wird. Das reicht. Wirklich.

Du bist nicht zu viel. Du warst zu lange in Räumen, die nicht zu dir gepasst haben.

Wenn die Suizid-Gedanken gerade konkreter werden

Wenn du das liest und merkst, dass deine Gedanken nicht mehr abstrakt sind — dann bitte ich dich um eine einzige Sache: Ruf an. Bevor der Boden weg ist.

📞 Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 & 0800 111 0 222 oder über die Website der Telefonseelsorge
— kostenlos, 24 Stunden, 7 Tage die Woche
📞 Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116 117
📞 Notruf: 112

Du musst da nicht alleine durch. Heute nicht.

Warum ich das schreibe

Ich mache das nicht, weil ich fertig bin. Ich bin nicht fertig — und ich glaube, das werde ich nie vollständig sein, und das ist auch gut so. Ich mache es, weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn niemand da ist, der wirklich versteht. Wenn alle gut meinen und trotzdem niemand weiß, wie sich das von innen anfühlt. Wenn man mitten unter Menschen ist und trotzdem völlig allein.

Ich habe mir in dieser Notaufnahme in Georgien etwas geschworen: Wenn ich es zurückschaffe, reiche ich die Hand weiter. Nicht als Therapeutin, nicht als jemand, der alle Antworten hat. Sondern als jemand, der weiß, wie sich dieser Ort anfühlt — und der nicht mehr dort ist.

Ich bin zurück. Und ich reiche dir die Hand.

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